„Kunst im Unternehmen signalisiert, dass nicht nur die Arbeitskraft, sondern der ganze Mensch gesehen wird.“

Fritz Horst Melsheimer, Präses der Handelskammer Hamburg

September 2013

Kunst im Unternehmen – wie passt das aus Ihrer Sicht zusammen?
Die Frage suggeriert einen Widerspruch, den es meiner Meinung nach so nicht gibt. Unsere berufliche Arbeit ist im besten Fall sinnstiftend für unser Leben. Kunst leistet dasselbe auf einer anderen Ebene. Beides ergänzt sich also und sollte so eng wie möglich zusammenlaufen. Kunst im Unternehmen signalisiert, dass Unternehmen nicht nur an der Arbeitskraft und der Produktivität ihrer Mitarbeiter interessiert sind, sondern den ganzen Menschen sehen.

Die Handelskammer Hamburg hat eine lang zurückreichende Verbindung zur Kunst. Welche Herangehensweise gibt es bei der Auswahl der in der Neuen Börse ausgestellten Künstler? 
Wir zeigen in der Handelskammer seit dem Jahr 1850 Kunst. Hamburgs erste öffentliche Gemäldegalerie befand sich in den Arkaden der Börse, die Sammlung war der Urbestand der Hamburger Kunsthalle bei deren Eröffnung 1869. Seit dem Jahr 2000 zeigen wir etwa vier Ausstellungen pro Jahr. Begonnen haben wir mit Retrospektiven norddeutscher Künstler. Hinzu kamen Ausstellungen mit Bezug zu Hamburg und zu unseren Aktivitäten. Gern zeigen wir Ausstellungen in Kooperation mit Hamburger Museen oder Institutionen.

Das unternehmerische Kulturengagement in Hamburg ist zweifelsohne hoch, es gibt aber auch noch Luft nach oben. Wie kann man Ihrer Einschätzung nach noch mehr Unternehmen für ein kulturelles Engagement bewegen?
Wichtig für die Unternehmen ist es, den Künstler als Partner zu sehen, der etwas ins Unternehmen bringt, was anders nicht zu erhalten ist. Wenn man einmal anfängt, Kunst zu zeigen, wird man feststellen, dass ein solches Projekt ungeahnte Talente und Energien im Unternehmen freisetzen kann. In irgendeiner Form spricht Kunst alle an und fördert auf jeden Fall die Kommunikation, ganz gleich ob mit den Kollegen oder mit Kunden. Eine solche Erfahrung sollte sich ein Unternehmen eigentlich nicht entgehen lassen.

Die von der Handelskammer durchgeführte Studie „Kulturindex“, für die rund 400 Unternehmen befragt wurden, förderte zutage, dass die Galerien- und Kunstszene am wenigsten zum kulturellen Profil Hamburgs beiträgt. Wie kommt das, und was müsste sich ändern?
Hamburg hat eine vielfältige kulturelle Landschaft mit den unterschiedlichsten Aktivitäten und Attraktionen. Die Galerien haben nur im Vergleich zu einem starken Umfeld schwächer abgeschnitten. Das heißt, nicht die Galerien- und Kunstszene ist schwach, sondern die Konkurrenz ist stark. Es scheint, dass auch bei der Kunstpräsentation nach neuen Formen gesucht wird. Messen beispielsweise scheinen den Neigungen und Gewohnheiten jüngerer Kunstliebhaber mehr zu entsprechen. Hier kann Hamburg sicher noch aufholen. 

Im Jahr 2011 hat die Handelskammer Hamburg ein Positionspapier verfasst, das eine strategische Kulturpolitik in Form eines Masterplans einfordert, um Hamburg als Kulturmetropole noch besser zu positionieren und zu vermarkten. Wie weit hat sich Ihr Wunsch inzwischen erfüllt? 
Wenn man viel Geld, Steuergelder, ausgibt, sollte man wissen, was man damit erreichen möchte und sich Meilensteine setzen, deren Erfüllungsgrad messbar oder beschreibbar ist. So jedenfalls würden Unternehmer an die Sache herangehen. Und eine solche strategische Vorgehensweise erwarten Hamburgs Unternehmer nicht nur beim Hafen, bei der Bildung oder beim Verkehr, sondern auch im Kulturbereich von der Politik. 

Uns ist es wichtig, zu zeigen, wie man das Thema Kultur strategisch betreiben kann – bei aller unlenkbaren Kreativität. Vereinzelt geschieht das ja auch schon in der Stadt. Wenn man sich nur einmal ansieht, wie sich die Angebote zur Musikvermittlung in Hamburg in den letzten fünf Jahren entwickelt haben. Eigentlich ist es schade, dass man dieses Wissen nicht auch in den anderen Sparten einsetzt, oder zumindest transparent macht, was man erreichen möchte.

Was können Unternehmen von Künstlern lernen? Und was können Künstler von Unternehmen lernen? 
Künstler und Unternehmer haben gemeinsam, dass sie von ihrer Idee leidenschaftlich überzeugt sind, und beide setzen sich deshalb mit viel Engagement und Risiko für deren Realisierung ein. Künstler tun dies oft ohne Rücksicht auf sonstige Zwänge und entwickeln dadurch eine unbändige Kreativität. Das ist sicher etwas, was auch manchem Unternehmen, zumindest an gewisser Stelle oder in bestimmten Phasen, guttäte. Auf der anderen Seite ist die Einberechnung ökonomischer Fragen am Ende des Kreativitätsprozesses auch eine wichtige Komponente. Hier können Künstler von Unternehmern lernen.
Künstler und Unternehmer sind also gar nicht so weit voneinander entfernt. Beim Umgang miteinander müssen beide Seiten akzeptieren, dass ihre eigenen „unumstößlichen“ Regeln – bedingungslose Kreativität beziehungsweise unbedingte Rechenbarkeit – für den anderen nicht gelten. 

Welcher Künstler oder welches Kunstwerk inspiriert Sie persönlich ganz besonders?
Kunst bietet natürlich für alle Lebenslagen etwas, und manchmal trifft ein Künstler einen ganz besonderen Nerv in uns. Das sind die Momente, für die es sich lohnt, auf die Suche zu gehen. Und je mehr man sucht, desto mehr dieser Augenblicke findet man. Es hat vielleicht gar nicht mit einem bestimmten Künstler zu tun, sondern damit, wie gut man sich auf ein Werk einlassen kann.

Sie sind Teilnehmer bei „add art“ und stellen Werke des taiwanischen Fotokünstlers YANG Chi-Hsin aus. Was macht den Künstler interessant?
In der Handelskammer wird die Ausstellung „Zeitkapsel – Taiwan zwischen 1950 und 1960“ zu sehen sein. Die Fotografien von YANG Chi-Hsin zeigen ein ländliches Taiwan in den 1950er-Jahren, insbesondere die Küstenregionen. Diese sind heute in dieser Weise kaum noch zu entdecken, weil das Land mittlerweile eine der größten Bevölkerungsdichten weltweit aufweist. Die Besucher der Ausstellung erhalten einen Einblick in die Historie Taiwans und kommen den Menschen, Kulturen und Landschaften des Landes näher. Die Fotos von YANG Chi-Hsin haben einen besonderen historischen und kulturellen Wert, sind jedoch auch von beeindruckender bildkünstlerischer Qualität.

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