"Kunst und Wirtschaft haben ein gemeinsames Zugpferd – die Kreativität"

Kessy Suelzer, Projektleitung Alphabeta

Oktober 2017

Welche Rolle spielt Kunst in Ihrem Unternehmen – gab es in der Vergangenheit Berührungspunkte?
Es gab bislang einige Berührungspunkte mit dem Hamburger Maler Lars Möller, von dem auch einige Werke in unseren Räumen hängen und dessen wunderbares Buch „Vom Wasser“ in unserem Verlag erschienen ist. Ansonsten war Kunst in ihrer eigentlichen Form bei uns bislang nicht vorherrschend.

Ihr Fokus liegt auf dem Erstellen von Magazinen, aber auch Büchern. Was begeistert Sie an Ihrer Tätigkeit am meisten?
Wir arbeiten mit den unterschiedlichsten Verlagen, Agenturen und Unternehmen zusammen und entsprechend groß gestaltet sich die Bandbreite unserer Projekte, was Inhalt und Gestaltung anbelangt. Kein Projekt ist wie das andere, jedes hat seine Besonderheiten und Herausforderungen und man begegnet immer wieder neuen unterschiedlichen Menschen – das ist es, was diese Arbeit so spannend macht und mich begeistert. Bei allen Vorzügen der digitalen Welt – ein Buch oder ein Magazin in Papierform ist und bleibt einfach das sinnlichste Medium.

Bei Ihren Projekten geht es viel um ästhetische Aspekte, wie Design, Illustration, Fotos, aber auch inhaltlich um gute Geschichten. Woher holen Sie sich die Ideen und Impulse dafür?
Den eigentlich kreativen Part machen in unseren Projekten vor allem Redakteure und Grafiker. Dennoch, um sich in seine Kunden und in das, was sie möchten hineinversetzen zu können oder um neue Projekte zu akquirieren, braucht man selbst ebenfalls eine gute Portion an Kreativität und Ideen. Ich lese viel, vor allem  eine bunte Mischung an Magazinen, denn das Zusammenspiel aus Farben, Typografie, Bildern und Sprache ist ein guter Lehrmeister und sorgt für Inspiration. Aber auch Streifzüge durch Pinterest, verschiedene Blogs, unterschiedlichste Bücher und Filme sorgen für Impulse und neue Ideen – inhaltlich wie gestalterisch.

Welches Ihrer Projekte ist Ihnen noch ganz besonders im Gedächtnis, und warum?
Zu Beginn meiner Zeit bei Alphabeta haben wir ein sogenanntes earBOOK produziert. Das Buch trägt  den wunderbaren Titel „Vom Pfosten bis zur Ritze“ und ist ein anspruchsvoll gestaltetes Kunstbuch mit vielen Hintergrundinformationen, Geschichten, originellen O-Tönen und lebendigen Bildern, die dem Leser die ganz eigene Atmosphäre und den Charme St. Paulis näherbringen.
Es ist mir vor allem deshalb im Gedächtnis geblieben, weil ich damals als Neu-Hamburgerin mitten in einen der spannendsten und buntesten Stadtteile Hamburgs eintauchen durfte. Und, weil ich zudem das Glück hatte, den damals 76-jährigen Günter Zint zu treffen, einen Kiezfotografen, der als einer der ersten die Beatles und Jimi Hendrix im Starclub fotografiert hat, und der mir tiefen Einblick in seine fotografische Schatztruhe und seine Zeit auf dem Kiez gegeben hat.

Sie bieten im Rahmen der Veranstaltung „add art“ einer jungen Künstlerin eine Plattform. Gibt es bestimmte Erwartungen, die Sie damit verknüpfen?
Primär freuen wir uns, einer Nachwuchskünstlerin die Plattform für ihre erste Ausstellung geben zu dürfen. Die Tatsache, dass es für beide Seiten eine Premiere ist, macht es umso spannender! Kunst hat eine sehr große emotionale Komponente – sie kann anregen, die üblichen Pfade zu verlassen, sie kann neue Perspektiven eröffnen, inspirieren und zum Austausch anregen. Sie kann aber auch erschrecken, entsetzen oder komplett verwirren. Wenn man die Werke unserer Künstlerin betrachtet, dann passiert etwas.

Was trauen Sie der Nachwuchskunst für eine Wirkung in Ihrem Unternehmen zu – auf Mitarbeiter, aber auch auf Kunden?
Wir sind Neulinge auf dem Gebiet der Ausstellung von Kunst, insofern ist dies auch neu für unsere Kunden und Mitarbeiter, und wird den einen oder anderen sicher überraschen. Dieses ungewohnte Bild wird zu hoffentlich regem Austausch und vielleicht auch zu Diskussionen führen und dadurch neue Sichtweisen eröffnen und Standpunkte schaffen.

Zwischen den beiden Bereichen Wirtschaft und Kunst gibt es häufig noch Berührungsängste. Ist das aus Ihrer Sicht gerechtfertigt?
Auf den ersten Blick mögen Wirtschaft und Kunst fast wie Antagonisten wirken. Der eine rational und vermeintlich freudlos, der andere frei, kreativ und unkonventionell. Daher rührt, auf den ersten Blick, möglicherweise eine Unvereinbarkeit und damit verbunden vielleicht auch so etwas wie Berührungsangst. Nach meinem Empfinden allerdings sind die beiden Sphären gar nicht so gegensätzlich. Im Gegenteil, denn im Grunde haben Kunst und Wirtschaft sogar ein gemeinsames Zugpferd, die Kreativität! Sie ist nicht nur in der Kunst ein wichtiger Faktor. Gerade in unserer Branche, wo sich durch die Digitalisierung Arbeitsfelder rasant verändern, sind kreative Prozesse und Kommunikation gefragt. Und genau das ist es, was durch Kunst ausgelöst wird. Sie wirft Fragen auf, lässt uns Dinge überdenken, diskutieren und neue Blickwinkel finden. Sie bereichert durch Ideen und liefert Denkanstöße, die sich die Wirtschaft zu eigen machen kann.

Nehmen Sie sich persönlich hin und wieder Zeit für Kunst und Kultur?
Auf Reisen stehen Kunst und Kultur immer ziemlich weit oben auf der Liste. In Hamburg, wo ebenfalls eine enorme kulturelle Vielfalt besteht, nehme ich mir leider viel zu wenig Zeit dafür. Dennoch, ausgewählte Ausstellungen schaue ich mir an. Was ich aber noch sehr viel spannender finde und auch regelmäßig mache, ist, durch kleine Galerien zu streifen, die es in Hamburg zuhauf gibt. Dabei entdeckt man häufig großartige, oft noch unbekannte Kunst, der man sonst möglicherweise nie begegnet wäre.

Ganz unabhängig von add art: Welcher Künstler oder welches Kunstwerk inspiriert Sie persönlich ganz besonders, und warum?
Die Vielfalt der inspirierenden Künstler und Kunstwerke ist immens, so dass es schwierig ist, sich auf einen festzulegen. Für mich hat dies auch viel mit der eigenen Stimmung zu tun, in der man sich bei Betrachtung eines Kunstwerkes befindet, und was einen in diesem Moment besonders berührt.
Es gibt dennoch einen Künstler, den ich herausgreife – Mark Rothko. Seine Werke bestechen durch die Intensität ihrer Farben und die Art ihrer Auftragung und haben dadurch eine wahnsinnige Ausstrahlung. Dass er es schafft, eine intensive Beziehung zwischen Betrachter und Bild allein durch die Wirkung der Farbe zu erzielen, finde ich faszinierend.

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