„Manche Werke provozieren Mitarbeiter oder Mandanten – das finden wir gut so.“

Dr. Michael Schäfer, Partner bei Freshfields Bruckhaus Deringer, Hamburg

September 2013

Kunst im Unternehmen – wie passt das aus Ihrer Sicht zusammen?

Kunst prägt ganz wesentlich die Atmosphäre in den Räumen eines Unternehmens. Sie ist auch Ausdruck der Unternehmenskultur, sie kann das Unternehmen in einen Kontext setzen. Modern oder klassisch, kreativ oder langweilig, minimalistisch, expressiv, provokativ oder beruhigend – es sind fast alle Aussagen möglich, die zum Unternehmen passen oder – auch damit kann man spielen, einen bewussten Kontrast ausmachen. Kurz: Kunst und Unternehmen passen wunderbar zusammen.

Welchen Stellenwert hat Kunst in Ihrem Unternehmen?

Die Kunst, die wir zeigen, nimmt bei uns einen vergleichsweise hohen Stellenwert ein. Sie soll und muss nicht jedem gefallen – weder extern noch intern, und wir finden es sehr gut, wenn sie Anlass zum Nachdenken und zur Diskussion bietet.

Wie wählen Sie die Kunst aus, die in Ihren Räumen ausgestellt wird? 
Einer meiner mittlerweile pensionierten Partner war und ist ein größerer Sammler zeitgenössischer Kunst. Er hat vor vielen Jahren den Grundstein gelegt für die Arbeiten, die wir zeigen, und das Kunstkonzept. Mittlerweile besteht unser „Kunstkomitee“ aus zwei aktiven Partnern und dem pensionierten Partner. Wir bestimmen, was gezeigt wird. Demokratische Abstimmungen in einer größeren Gruppe sind – finde ich – einem guten Kunstkonzept nicht zuträglich. 

Sie sind auch im Privaten stark engagiert für die Kunst, zum Beispiel über den Verein „Neue Kunst in Hamburg“ oder durch Atelieraufenthalte, die Sie Künstlern privat ermöglichen. Welches sind Ihre Beweggründe, gibt es thematische Schwerpunkte?
Mich fasziniert der Blick junger Künstler auf unsere Zeit, die Fragen, die sie beschäftigen oder auch nur die Ästhetik minimalistischer Arbeiten. Eigentlich interessiere ich mich für alles, was mich anspricht. Aber einen gewissen Schwerpunkt gibt es bei mir vielleicht: Ich interessiere mich sehr für Kunst, welche die herkömmlichen Disziplinen wie Bildhauerei, Malerei und Fotografie verwischt und nach neuen, häufig surreal wirkenden Ausdrucksformen sucht.

Wie kam es zur Schaffung des „Hamburg New Positions Art Price“, was beinhaltet der Preis? 
Der Preis wird seit 2010 jährlich vergeben. Ziel ist die Förderung junger Künstler, die wir für besonders begabt halten. Der Preis beinhaltet eine Ausstellung mit Vernissage und Finissage, die Erstellung eines zweisprachigen Katalogs und die Gewissheit, zum Ende der Ausstellung viele Arbeiten – gern auch über die Galerie, welche den Künstler vertritt – verkauft zu haben. Wir kaufen auch selbst stets etwas an. Für die Auswahl der Künstler ist allein unser Kunstkomitee zuständig. Wir besuchen Gruppenausstellungen junger Künstler wie etwa die Index oder die HFBK-Jahresausstellung.

Über den Preis ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt – warum?
Eine externe Werbung machen wir nicht und wollen dies auch nicht. Wir verstehen uns ja auch nicht als Privatmuseum. Unsere kunstinteressierten Mandanten und viele junge Künstler wissen aber von dem Preis.

Wirkt sich die Kunst in Ihrem Unternehmen in irgendeiner Form auf Ihre Mitarbeiter aus? 
Manche Arbeiten provozieren Mitarbeiter oder Mandanten. Aber wir finden es gut, wenn die Kunst Anlass zum Gespräch oder auch nur zu einer Positionierung der eigenen Wahrnehmung gibt. Ich glaube, dass die Kollegen die Kunst ganz überwiegend als anregend empfinden – selbst wenn einzelne Arbeiten vielleicht abgelehnt werden. Es würde etwas Wichtiges fehlen, wenn es die Kunst nicht gäbe.

Wie reagieren Mandanten auf die Kunst in Ihrer Kanzlei? 
Sehr, sehr unterschiedlich, und das ist auch gut so!

Ist das Kunstengagement bei der Kanzlei Freshfields allein Sache der am jeweiligen Standort verantwortlichen Partner oder gibt es zusätzlich eine übergeordnete Leitlinie?
Nein, übergeordnete Leitlinien gibt es nicht, das Kunstkonzept ist allein Sache der hierfür am jeweiligen Standort zuständigen Partner.

Was braucht es, um das Engagement für Kunst und Kultur nachhaltig in einem Unternehmen zu verankern: strategisch festgelegte Richtlinien oder eher einzelne Führungspersonen, die sich mit Leidenschaft der Kunst und Kultur verschrieben haben? 
Am Ende braucht es eine oder mehrere Personen, die sich verantwortlich fühlen und auch Freude an der Kunst haben. Ich persönlich halte auch wenig von Kunstagenturen, die „passende Kunst“ fürs Unternehmen liefern.

Der Großteil der Kunst in Ihren Räumlichkeiten ist Privatbesitz. Was passiert mit der Kunst, wenn Sie oder einer der anderen kunstengagierten Partner das Unternehmen eines Tages verlassen sollten? 
Das ist natürlich von Fall zu Fall zu sehen. Bisher verbleibt die Kunst allerdings überwiegend in der Kanzlei, da die Leihverträge nicht aufgekündigt werden.

Sie sind ein gutes Beispiel dafür, nicht viel Aufhebens um das kulturelle Engagement zu machen – wäre es nicht besser, unternehmerisches Engagement noch etwas stärker öffentlich zu machen, um Impulse für andere Unternehmen zu setzen?
Das sollte jeder für sich selbst entscheiden. Für manche Unternehmen mag es gut sein, das eigene Engagement stärker in die Öffentlichkeit zu tragen. Wir haben uns nicht dafür entschieden. Vielleicht liegt das an unserer Branche – Rechtsberatung ist ja ein traditionell diskretes Geschäft.

Was können Unternehmen von Künstlern lernen? Und was können Künstler von Unternehmen lernen? 
Kunst und Künstler können neue Perspektiven eröffnen. Sie können auch Stimmungen erzeugen, Dinge in Frage stellen oder auf neue Weise bestätigen, Anlass zum Nachdenken oder Gespräch geben, manchmal sogar die eigene Kreativität anregen. Künstler suchen und brauchen eine Plattform, damit ihre Kunst wirken kann. Neben Museen – die ja nicht allen Künstlern zur Verfügung stehen – und Galerien können hier Unternehmen einen wichtigen Beitrag liefern.

Welcher Künstler oder welches Kunstwerk inspiriert Sie persönlich ganz besonders? 
Da gibt es eigentlich mehr als eine Arbeit oder einen Künstler. Ich bin zum Beispiel begeistert von den Arbeiten von Thorsten Brinkmann, der es schafft, von der Gesellschaft ausgesonderten Gegenständen eine neue, fast unheimliche Ästhetik zu verleihen und dabei vielfach noch klassische Kunst zu zitieren. Oder von der enormen Vielseitigkeit von Thomas Baldischwyler, der es dennoch vermag, sich selbst treu zu bleiben.

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