„Unternehmen können von Künstlern das Vertrauen in den eigenen Instinkt lernen.“

Bettina Olf, Executive Creative Director bei thjnk, Hamburg

September 2013

Kunst im Unternehmen – wie passt das aus Ihrer Sicht zusammen?
Hervorragend! Gerade im Kommunikationsbereich setzt man sich dauernd und schon von Berufs wegen mit Bildern auseinander. Das ist sehr inspirierend und für jeden Kreativen wichtig.

Sie sind Teilnehmer bei „add art“ und zeigen Nachwuchskunst in Ihren Räumen. Dafür haben Sie das künstlerische Motto „Gedankenfreiheit“ vorgegeben. Wie kam es dazu?
Das Motto nimmt nicht nur Bezug auf unseren Namen, sondern ist auch eine wichtige Guideline in der täglichen Arbeit mit Kunden. Das Briefing eines Unternehmens aufzunehmen, bei Problemen und Kundenwünschen genau hinzuhören – das ist die Grundlage für jeden kreativen Prozess. Genauso wichtig ist es aber auch, sich aus zu engen Vorgaben lösen zu können und den Mut zu haben, einen neuen Gedanken zu entwickeln und vorzustellen.

Warum haben Sie sich für die ausgewählten Künstlerinnen und Künstler entschieden?
Die Entscheidung für Maximilian Probst fiel aufgrund seines spannenden Themas. Die Arbeit „Les Jeux sont faits“ von Sartre beschäftigt sich mit dem Drang, immer die richtige Entscheidung treffen zu wollen und der daraus resultierenden Frage, ob dies überhaupt möglich ist. Eine Frage, die auch im Alltag einer Agentur auftaucht und in vielen Varianten Grundlage immer neuer Gespräche ist. Die Arbeiten von Manja Kühn entstehen in mehreren Arbeitsschritten. Zeichnungen, Übermalungen von Fotos, die Übertragung auf Leinwand mit starker Fläche und Farbkomposition lassen ganz eigene Bilder entstehen. Langes Hinschauen ist Teil der Inspiration. Gefundene Momente, die sich durch die grafische Darstellung intensivieren und dem Betrachter offen lassen, was davor oder danach passiert sein könnte. Raum für eigene Interpretationen, für Assoziationen, für Gedankenfreiheit!
Daneben zeigen wir zusätzlich eine Künstlerin, Suzanne Levesque, die uns schon länger aufgefallen ist. Sie beschäftigt sich mit Körpern, Aufbau, Konstruktion und Statik. Haut und Körper sind bei ihr mehr als die Hülle des Menschen. Sie lässt den Betrachter entdecken, wie sich das Innere der Menschen im Äußeren manifestiert. So auch Gedankenfreiheit.

Welche Berührungspunkte gibt es zwischen Ihrem Unternehmen und Kunst und Kultur?
Berührungspunkte mit Kunst und Kultur gehören eng zu unserem Beruf. Die Auseinandersetzung erfolgt ganz automatisch, wenn man sich über die Positionierung einer Marke, eine neue Kampagne oder einen Film Gedanken macht. Darüber hinaus haben wir aber auch enge Kontakte zum Schauspielhaus. Michael Trautmann ist dort im Aufsichtsrat, die Kampagne Spielfeld ist gerade mehrfach ausgezeichnet worden. Und unter unseren Kreativen gibt es neben Illustrationsbegabten, Sprayern und Musikern auch sehr talentierte Hobbyköche, Bäcker und DJ´s.

Denken Sie, dass sich dauerhaft präsente Kunst in Ihrem Unternehmen auf Ihre Mitarbeiter auswirken kann?
Das kann man so nicht sagen. Kunst ist ja immer etwas sehr Individuelles. Was den einen anspricht und berührt, lässt den Nächsten völlig kalt.

Die Berührungspunkte von Kunst und kreativer Werbung sind durchaus vorhanden. Kann Werbung Kunst sein? Wo liegt die Grenze?
Die Grenze zieht jeder für sich selbst. Deshalb kann man ja genauso gut über Kunst wie auch über Werbung streiten.

Wie bewerten Sie es, dass immer mehr Unternehmen Künstler für ihre Produktgestaltung engagieren?
Wenn es eine wirkliche Auseinandersetzung zwischen Künstler und Marke gibt, finde ich das gut. Es gibt großartige Beispiele dafür. Ansonsten wird es schnell zu einem seelenlosen „Take the money and run“ Projekt.

Was können Unternehmen von Künstlern lernen? Und was können Künstler von Unternehmen lernen?
Unternehmen können von Künstlern Gedankenfreiheit lernen. Das Vertrauen in den eigenen Instinkt. Was Künstler von Unternehmen lernen können? Im besten Fall Zuhören. Darauf sollte man im Umgang miteinander immer achten!

Gibt es bei Ihnen auch persönlich Verbindungen zur Kunst?
Ich habe an einer Kunsthochschule studiert, da gibt es viele Berührungspunkte. Aber auch so gehe ich gerne und oft in Ausstellungen und engagiere mich punktuell. Ich fahre beispielsweise viel Fahrrad anstatt das Auto zu benutzen, und investiere das gesparte Geld in Kunst. Dieses Jahr in eine Zeichnung von Franz Burkhardt, mit dem ich studiert habe. Letztes Jahr in ein Bild von Leo de Goede aus New York.

Welcher Künstler oder welches Kunstwerk inspiriert Sie persönlich ganz besonders?
Die Collagen von Kurt Schwitters, Farben von Mark Rothko, die Experimentierfreude einer Louise Bourgeois, die Lichtinstallationen von Olafur Eliasson – ich finde verschiedenste Dinge interessant und inspirierend und könnte mich nicht auf einen Künstler beschränken.

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