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Julia Kloos

„Mein zentrales Thema ist das menschliche Denken. Es fasziniert mich.“

September 2021

Julia Kloos

Künstlerin, Preisträgerin des Jurypreises des add art Award für Nachwuchskunst 2020

Du hast den Jurypreis des add art Award 2020 erhalten. Was hat das für Dich bedeutet?

Die Freude war natürlich groß. Ich fühle mich von der Jury nicht bewertet, sondern verstanden und das bedeutet mir sehr viel. Ich schätze es sehr und bin dankbar für das Vertrauen, das mir und meiner Arbeit damit entgegengebracht wurde. Es war ein überraschender und schöner Abschluss für das Jahr 2020, das bedingt durch die Pandemie beispiellos für alle gewesen ist.

Wofür hast Du das Preisgeld eingesetzt?

Das Preisgeld habe ich für Materialien verwendet. Es war ein sehr gutes Polster und ermöglichte mir, die Arbeit voranzutreiben und etwas experimenteller zu arbeiten. Außerdem habe ich mir einen großen Drucker gegönnt.

Woher beziehst Du im Allgemeinen Deine Inspiration?

Mein zentrales Thema ist das menschliche Denken. Es fasziniert mich. Gedanken an sich kann man nicht wirklich einfangen, sie haben etwas Geisterhaftes, aber alles, was wir sind und was uns umgibt, steht im Kontext unseres Denkens. Die Inspiration ist somit allgegenwärtig und immer präsent. Die Frage ist, wie greife ich danach und wie strukturiere ich sie? Das abstrakte Arbeiten ermöglicht mir, das gewohnte Denken auf die Probe zu stellen. Durch die Abstraktion kann ich die vertrauten Umrisse eines Objekts aufheben und schaffe die Möglichkeit einer neuen Zusammensetzung der Formen. Ich beziehe aber auch viele Informationen aus Natur- und Geisteswissenschaften mit ein. Allgemein finde ich Literatur sehr anregend, da sie eine Vielzahl spannender Gedankengänge verschiedener Autoren ist. Sie öffnet den Blick auf das Leben aus unterschiedlichen Perspektiven.

Bist Du experimentierfreudig?

Mittlerweile immer mehr. Ich spüre, dass mir das Zeichnen auf dem Papier nicht mehr genügt. Das, was sich vor meinem inneren Auge abspielt, hat schon längst die Zweidimensionalität verlassen und bewegt sich im dreidimensionalen Raum. Ich arbeite mittlerweile vermehrt installativ, auch wenn es momentan kleine Installationen sind, die ich fotografisch festhalte.

Wie gestaltet sich Dein Weg zum Gelingen einer Arbeit – zielgerichtet, auf Umwegen?

Für mich ist wichtig zu verstehen, warum ich mich für eine bestimmte Form, Struktur, Linie oder Zahlenkombination entscheide. Ich möchte nicht, dass etwas einfach nur da ist, weil es ästhetisch gerade passt. Ich versuche immer, bewusst und systematisch zu arbeiten. Aber das, was sich unbewusst in uns ablagert, möchte irgendwann auch nach außen dringen und ist dabei unberechenbar. Es fordert seinen Anspruch auf bewusste Existenz ein und ich lerne es zuzulassen, da sonst ein Konflikt zwischen Kontrolle und Intuition entsteht, der mich blockiert. Am besten helfen mir meine Notizbücher, weil ich gewisse Vorgänge gedanklich zurückverfolgen und besser erfassen kann. Ich würde also sagen, dass ich zielgerichtet mit „zufälliger“ Notwendigkeit arbeite.

Wann ist für Dich eine Arbeit „gelungen“ – hast Du bestimmte Kriterien dafür? Und was ist, wenn ein Werk einmal nicht diesen Kriterien entspricht?

Für mich ist eine Arbeit eher „sinngebend“ als gelungen. Ich möchte in der Arbeit so viel wie möglich nachvollziehen können. Beispielsweise wie ich von meinen Gedanken zu den Formen komme. Wenn mir eine Zeichnung trotz systematischer Arbeit und gedanklicher Rückverfolgung ein Rätsel aufgibt oder ein Geheimnis birgt, empfinde ich diese Arbeit als besonders wertvoll für meine Entwicklung, weil mich die Spannung und die Neugier antreiben. Es gibt aber auch Zeichnungen, die schon während der Arbeit eine Mauer aufbauen. Wenn ich spüre, dass die Verbindung abbricht und ich nur noch stumpf vor mich hinarbeite, dann ergibt die Zeichnung meistens auch im Nachhinein keinen Sinn für mich.

Wie geht es Dir, wenn eine Arbeit abgeschlossen ist?

Als abgeschlossen sehe ich keine meiner Arbeiten, es ist meistens durch das Format begrenzt. Ich glaube, man kann die gesamte Arbeit mit dem Ariadnefaden vergleichen, der sich durch meinen Gedanken-Labyrinth zieht. Alles ist irgendwie Eins. Ich arbeite parallel an mehreren Zeichnungen oder Objekten, somit ist es auch nie wirklich abgeschlossen, es wartet immer etwas anderes, sobald eine Arbeit scheinbar zum Ende kommt.

Wie geht es Dir, wenn eine Arbeit verkauft wird?

Darüber freue ich mich natürlich sehr. Bisher war es so, dass überaus nette und anregende Gespräche mit den Menschen zustande gekommen sind, die meine Arbeiten gekauft haben. Ich finde es spannend, wenn sie mir erzählen, wie oder warum sie sich in meinen Zeichnungen oder meiner Arbeit wiederfinden. Man geht dadurch eine Verbindung mit den Menschen ein und sie ermöglichen es, dass meine Arbeiten am Leben teilnehmen können, anstatt dass sie eingelagert sind. Dafür bin ich dankbar.

Woran arbeitest Du zurzeit? Gibt es ein zentrales Thema, das Dich beschäftigt?

Ich frage mich, wenn Gedanken eine Art Anatomie haben, so wie unsere Körperzellen beispielsweise, wie könnte der Aufbau aussehen? Bestehen sie womöglich aus einem Lichtgewebe, haben sie eine „fassbare“ Struktur? Bevor eine Form zum Objekt wird, wie könnte diese Form ursprünglich als Gedanke ausgesehen haben? Diese Fragen habe ich in meinem Kopf, wenn ich derzeit an meinen Objekten oder Zeichnungen arbeite. Es ist ein Zusammenspiel zwischen dem Gegebenen und meiner Interpretation der Ursprünglichkeit.

Von welchem Vorhaben träumst Du?

Meine Kunst mit der Wissenschaft intensiver zu verbinden wäre wünschenswert. Ein Projekt mit Neurowissenschaftlern und Quantenphysikern stelle ich mir sehr spannend vor. Aber abgesehen davon hätte ich gerne einen Blick hinter die Kulissen. Wie viele andere Menschen beschäftigt auch mich die Frage, „Woher kommen wir?“ und „Wohin gehen wir?“. Ich würde gerne verstehen, wie alles zusammenhängt. Für einen Bruchteil von Erkenntnis wäre ich dankbar.

Welche Erwartung hast Du an eine Ausstellung im Unternehmen?

Es ist wichtig, dass man nicht versucht, die Räume im Unternehmen den gewohnten Ausstellungsräumen wie zum Beispiel einer Galerie anzupassen, sondern auf das reagiert, was da ist. Dadurch können sich interessante Möglichkeiten für die Ausstellung ergeben. Da ich Erwartungen generell schwierig finde, ist es einfach von Vorteil, wenn das Unternehmen auch Freude an der Kunst hat und wenn die Kommunikation zwischen Künstler und Unternehmen stimmt, dann kann es eine schöne Erfahrung für alle Beteiligten werden.

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