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Julia Wedlich

„Die Kunst ist ein Angebot zur Bildung in einem berufsfremden Feld.“

September 2026

Julia Wedlich

Art Curator, Kienbaum Consultants International GmbH

Julia Wedlich, Art Curator bei Kienbaum Consultants International, spricht im add art Interview über eine Sammlung abstrakter Kunst mit über 1.000 Werken, Kunstführungen beim Onboarding von Mitarbeitenden sowie Katharina Grosse am Standort Hamburg. Bei add art öffnen Hamburger Unternehmen ihre Räume und zeigen Kunst. Kienbaum ist 2026 zum ersten Mal dabei.

Die Firma Kienbaum verfügt über eine umfassende Kunstsammlung mit mehr als 1.000 Werken. Wie ist die Sammlung entstanden, welche Schwerpunkte gibt es?

Die Sammlung wurde von Jochen Kienbaum aufgebaut, der während seiner Berliner Studienzeit intensiver mit Kunst in Berührung kam. Die Sammlung konzentriert sich auf deutsche und amerikanische abstrakte Gegenwartskunst, beginnend mit den späten 60er Jahren. Malerei und Papierarbeiten bildet den Schwerpunkt, wenngleich auch Medienkunst, Fotografie und Skulpturen vertreten sind. Die Sammlung ist sehr durch Jochen Kienbaum und seine Vorlieben geprägt, die er für seine Sammlung mit den Begriffen Farbe und Abstraktion umfasst. Es ist ihm gelungen, seine Leidenschaft an seine Kinder weiterzugeben, die in Zukunft die Geschicke der Sammlung leiten werden.

Wie findet die Auswahl von Kunstwerken für die einzelnen Standorte statt, welche Kriterien gibt es?

Bei der Auswahl der Kunstwerke für einen Standort gehen wir immer stark von den jeweiligen Räumlichkeiten aus. Wir achten auf Blickführungen, Farbgebung, Lichtsituationen und Laufwege. Natürlich ist es uns wichtig, Highlights unserer Sammlung zu zeigen und diese gut in Szene zu setzen und mit der Kunst auch mal für Brüche innerhalb des Büroalltags zu sorgen. Aber da es sich auch um ganz klassische Büroräume und kein Museum handelt, müssen wir manchmal auch ganz pragmatisch Entscheidungen treffen, d.h. dass wir auch mal darauf verzichten müssen ein Werk zu hängen, da die Sorge überwiegt, es könnte zu Schaden kommen.

Was gibt es speziell in Hamburg zu sehen?

Auch wenn der Standort nicht zu den größten gehört, konnten wir doch tolle Arbeiten installieren. Es sind einige der wichtigsten Positionen vertreten, so dass man einen guten Eindruck von der Sammlung bekommt. Zu sehen sind viele Amerikaner wie David Reed, Mary Heilman, Michael Venezia, Richard Allen Morris und Laurence Stafford, einige auch mit sehr frühen Arbeiten. Dazu kommen die deutschen Künstler Jorinde Voigt, Katharina Grosse, Gerhard Richter, Beat Zoderer und mit Julia Gruner auch eine der jüngeren Positionen aus der Sammlung – die wir in Hamburg sogar architektonisch in die Räumlichkeiten einbinden konnten.

Welches Wirkungspotenzial hat eine Firmensammlung aus Ihrer Sicht, nach innen wie nach außen?

Die Kunst ist bei Kienbaum – auch im Hinblick auf die Größe des Unternehmens – wirklich sehr präsent. Das hat damit zu tun, dass es lange ein rein familiengeführtes Unternehmen war. Die Sammlung hat in den Räumlichkeiten immer eine Nähe zu Jochen Kienbaum hergestellt und wird auch als Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitenden wahrgenommen, also dass der Eigentümer seine private Leidenschaft und seine Schätze mit der Belegschaft teilt.

Jochen Kienbaum und nun auch seinen Kindern ist der Austausch auf einer anderen Ebene als dem regulären Business wichtig. Verschiedene Vermittlungsformate für Mitarbeitende und Kunden sind ihnen ein Anliegen, ob Künstlergespräche, Führungen oder auch gemeinsame Messebesuche. Die Kunst ist somit auch immer ein Angebot zur Bildung in einem berufsfremden Feld und eine Aufforderung, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Mir haben Auszubildende oder Werkstudierende erzählt, dass sie bei Kienbaum das erst Mal mit Kunst so richtig in Berührung kamen und das als sehr bereichernd empfanden.

Diese Wertschätzung und Ernsthaftigkeit im Umgang mit den Mitarbeitenden haben natürlich auch eine sehr starke Ausstrahlung nach außen.

Wie reagieren Mitarbeitende und auch Kunden auf die Kunst?

Ganz unterschiedlich. So verschieden wie die Personen selbst sind. Die meisten schätzen die angenehme und hochwertige Atmosphäre, sind sehr interessiert und angetan von dem Engagement für die Kunst. Manche aus der Belegschaft sind sehr dankbar, dass es die Kunst bei Kienbaum gibt, kommen gerne zu unseren Veranstaltungen, oder binden uns in ihre ein. Sie empfinden das als tolles Angebot, das den Arbeitsalltag ergänzt oder durchbricht.

Aber es gibt auch diejenigen, die ich auch nach langer Zeit mit der Kunst nicht erreichen kann. Persönlich bin ich natürlich der Überzeugung, dass jeder etwas von einem Gespräch über Kunst mitnehmen kann, aber es gilt die erste Schwelle zu überwinden und sich die Zeit zu nehmen und sich neugierig und offen der Kunst zu nähern.

Gibt es spezielle Formate für die Kunstvermittlung, die Sie für Mitarbeitende anbieten?

Zum Onboarding gehören eine Kunstführung und ein einführendes Webinar zur Sammlung und zu Kunstbetrachtung allgemein. Wir bieten darüber hinaus regelmäßig Veranstaltungen, zum Beispiel Ausstellungseröffnungen an unserem Hauptsitz, Künstlergespräche oder Führungen an allen Standorten. Bis auf das Onboarding sind die meisten unserer Veranstaltungen auch für Externe zugänglich, auf unserer Webseite und auch bei Instagram informieren wir über unsere Aktivitäten.

Inwieweit nehmen Sie sich persönlich Zeit für Kunst und Kultur? Kaufen Sie privat Kunst?

Ich glaube, es gehört ganz natürlich zu meinem Alltag und dennoch denke ich, Kunst und Kultur kommen zu kurz. Besonders mit meiner kleinen Tochter kann ich nicht ganz so viele Ausstellungen, Konzerte oder Theateraufführungen besuchen, wie ich das gerne würde. Wenn man es aber macht, merkt man, wie viel Kinder auch schon aus solchen Unternehmungen mitnehmen können.

Ich kaufe selbst keine Kunst. Ich bin keine Sammlerin, ich muss Dinge nicht unbedingt besitzen – die Gespräche darüber sind für mich essenziell. Aber vielleicht fehlt mir auch nur der nötige Platz und das entsprechende Budget. Auf jeden Fall würde ich mich unglaublich schwertun, für etwas zu entscheiden.

Welcher Künstler bzw. welche Künstlerin oder welches Kunstwerk inspiriert Sie persönlich ganz besonders, und warum?

Für mich sind Arbeiten besonders reizvoll, wenn sich verschiedene Ebenen ergänzen. Wenn das Sinnliche und Schöne, das Ästhetische genauso angesprochen werden wie der Kopf. Wenn mich das Kunstwerk wirklich zum Nachdenken bringt, ich etwas Neues erfahre oder etwas Selbstverständliches in Frage gestellt wird. Wenn das in einer sinnlich ansprechenden Form gefasst wird, bin ich immer beeindruckt von der Leistung der Künstlerinnen und Künstler…

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