„Mich interessiert das Deviante, der Kipp-Punkt, die Nische.“
Februar 2026
Irina Prager
Künstlerin, Preisträgerin des Jurypreises des add art Award für Nachwuchskunst 2025
Was hat der Preis für Dich bedeutet?
Auf der menschlichen Ebene bedeutet er für mich Anerkennung und Wertschätzung. Er hat Gespräche mit unterschiedlichsten Personen ermöglicht, die auf mich zugekommen sind und aufrichtiges Interesse hatten. Auch wenn der eigentliche Antrieb zu meiner Arbeit vorrangig intrinsisch ist und aus einer inneren Notwendigkeit entsteht, bedeutet der add art Preis eine wohltuende Rückmeldung, die weiter motiviert.
Wofür hast Du das Förderpreisgeld eingesetzt?
Nüchtern gesagt wird das Geld in den Kreislauf der künstlerischen Ausgaben überführt. Aktuell sind diese Ausgaben eng mit meiner Masterarbeit verbunden. Es tut sehr gut, durch das Preisgeld an dieser Stelle etwas mehr Flexibilität erhalten zu haben.
Woher beziehst Du Deine Inspiration? Woher kommen die Ideen?
Mich interessiert das Deviante, der Kipp-Punkt, die Nische. Mein Ziel ist es, etwas darzustellen, ohne es direkt zu zeigen. Etwas scheinbar Oberflächliches mit einer unheimlichen, unbehaglichen Aufladung zu versehen, die dazu führt zu hinterfragen, was eigentlich dargestellt ist. Und ich kreise um die Verschränkung von analog und digital – das möchte ich noch stärker untersuchen und kultivieren. Ebenso die Idee des Samplings oder Zitats, das in meiner Arbeit vorhanden ist.
Thematisch geht es um die Anerkennung der Komplexität menschlichen Seins, das Bejahen von Widersprüchlichkeiten und den Versuch, in die Gleichzeitigkeit hineinzugehen.
Wie kommt es zu dem Stilmittel des „Bildes im Bild“ in Deinen Werken?
Es ermöglicht mir die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Erzählungen, die trotzdem zusammenhängen. Dabei setze ich sehr bewusst, was womit verbunden wird. Durch den medialen Konsum gibt es eine Gewöhnung an die Simultanität von Bildern. Im Alltag findet das beiläufig statt, auf der Leinwand wird es bewusst thematisiert. Es fordert dazu heraus, sich dem Assoziationsspiel auszusetzen und aktive Verbindungen herzustellen. Das erzeugt Momente der Irritation, mal durch Reibung, mal durch Verbindung. Für mich selbst ist es auch ein Spiel: Wo findet Wiederholung oder Bezug zwischen den Ebenen statt, wo grenzen sie sich voneinander ab?
Wie gestaltet sich dein Weg zum Gelingen einer Arbeit?
Es gibt unterschiedliche Haltestellen entlang dieses Wegs. Sie tauchen zwar in einer bestimmten Reihenfolge auf, sind aber nicht strikt linear. Ich bin sehr kontrolliert in meiner Schaffensart – das kann mitunter zu einer Enge führen, die ich gerade wieder etwas aufbrechen möchte. Dennoch ist Planung für mich unumgänglich. Es gibt die intellektuelle Ebene mit Notizen und Recherche, die vorangestellt ist, und darauf folgt die technische Ebene, die beinhaltet, die unterschiedlichen Parameter des Gestaltens auszuloten. Und Gelingen ist sowieso nicht vorhersehbar, manchmal bin ich überzeugt, dass diese Bildidee funktioniert, und werde eines Besseren belehrt. Dem gegenüber stehen überraschend positive „Zufälle“.
Wie geht es Dir damit, wenn Du mal nicht weiterkommst, eine Idee quasi scheitert?
Ehrlich gesagt habe ich ein schwieriges Verhältnis zum Scheitern, obwohl ich es dankbar annehmen sollte, weil es immer auch Bewegung beinhaltet. Natürlich bin ich schon oft gescheitert, das ist ganz normal im Schaffen und jeder Lernprozess beinhaltet die Möglichkeit des Scheiterns. Es hat so lange gedauert technisch das zu erlernen, was ich jetzt umsetzen kann und dass wiederholte Gelingen kann ein trügerischer Begleiter werden. Das stelle ich zumindest grade bei mir fest und lerne daher mich bewusst dem Scheitern auszusetzen, denn es offenbart ganz klar Antworten zur eigenen Fragestellung.
Wie geht es Dir, wenn eine Arbeit abgeschlossen ist?
Das kommt sehr auf die Arbeit an. Ich verbringe gerne noch etwas Zeit mit ihr, um sie wirken zu lassen und zu reflektieren, was ich durch sie erlebt habe. Das Schöne ist, dass jede Arbeit an einen Ort und eine Zeit gebunden ist. Die Arbeiten fungieren als Archiv, das es mir ermöglicht, mich zurückzuversetzen und nachzuvollziehen, was mich wann warum beschäftigt hat.
Woran arbeitest Du zurzeit?
Aktuell arbeite ich gemeinsam mit zwei Freundinnen aus anderen Disziplinen an meinem Masterprojekt. Es macht die Frage zum Inhalt, wie Essen und Verzehr als Chiffre von Begehren und inneren Konflikten gelesen werden kann. Mich interessiert daran besonders die Schwelle zwischen Ekel und Lust. Dazu lese ich gerade Jessica Benjamins „Die Fesseln der Liebe“ und befasse mich mit dem Konzept der Abjektion nach Julia Kristeva.
Was würdest Du verwirklichen, wenn Geld und Zeit keine Rolle spielen würden?
Das ist eine schwierige Frage. In diesem Szenario würde so etwas wie tiefe Sicherheit eintreten. Das könnte ein freieres, unbekümmerteres Arbeiten bedeuten, birgt aber vielleicht auch die Gefahr der Stagnation. Ich sehe das Szenario offensichtlich sehr abstrakt... Es ist jedenfalls eine wunderbare Vorstellung, mit weniger Sorgen Kunst zu machen, wobei das nichts an dem sorgenvollen Zustand der Welt an sich ändern würde.
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